IR Benchmark: Reichlich Transparenz – Überzeugungskraft und Sichtbarkeit fehlen
Die digitale IR-Kommunikation deutscher Konzerne hat eine beeindruckende technische Reife erreicht. Im internationalen Vergleich ist das Spitze: Governance-Standards werden erfüllt, Kennzahlen systematisch bereitgestellt, ESG strategisch verankert. Doch während die Pflichterfüllung perfektioniert wurde, bleiben drei zentrale Entwicklungsfelder dramatisch unterentwickelt.
Die Equity Story bleibt ein unterschätzter Hebel
Gerade in geopolitisch höchst volatilen und unsicheren Zeiten ist es wichtig, dass sich Unternehmen zunehmend zu ihren Werten bekennen, ihre Wertschöpfungskette darlegen und deren Bedeutung für den wirtschaftlichen Erfolg betonen. Doch ausgerechnet die Equity Story wird vernachlässigt, das zentrale Thema „Why invest" hängen nur wenige prominent auf. Wer Investment-Argumente mit Kennzahlen verknüpft und visuell aufbereitet, verschafft sich messbare Wettbewerbsvorteile. Die fundamentalen Daten sind exzellent – Kennzahlenvergleiche, strategische Zielsetzungen und Ausblicke gehören zum Standard. Doch ihre digitale Aufbereitung bleibt dramatisch zurück: Dynamische Visualisierungen und interaktive Tools, die auch auf dem Smartphone überzeugen, sind absolute Ausnahmen.
ESG-Verordnungen umgesetzt – operative Transparenz fehlt
Nachhaltigkeit ist auf den IR-Websites angekommen. Die ESG-Verordnungen sind von den meisten Unternehmen umgesetzt, Nachhaltigkeitsthemen gehören zum Standard. Doch wo es konkret wird, bricht die Transparenz ein: Nur eine Minderheit veröffentlicht ESG-Kennzahlen, spezifische Kennzahlen-Tools für ESG sind absolute Ausnahmen. Während die strategische Kommunikation funktioniert, fehlt die operative Tiefe. Die nächste Entwicklungsstufe liegt in der Verknüpfung von ESG-Strategie und Datentransparenz. Auch hier fehlt oft die Brücke zum Investoreninteresse. Nur wenige formulieren das Thema „Sustainable Investment“.
Auffindbar ja, schnell nein – und KI-Readiness fehlt
Bei der Auffindbarkeit in Suchmaschinen gehören IR-Websites zur absoluten Spitzenklasse. Auch der Service rund um Hauptversammlungen ist flächendeckend auf Höchstniveau.
Doch technische Performance-Standards bleiben kritische Baustellen: Barrierefreiheit und mobile Ladezeiten sind bei einem Großteil der Seiten inakzeptabel. Und während die Unternehmen SEO weitestgehend beherrschen, fehlt die KI-Readiness. ChatGPT, Perplexity und Google Gemini durchsuchen Inhalte rund um die Uhr – oft auf Basis externer, unvollständiger Quellen. Maschinenlesbarkeit, strukturierte Daten, barrierefreie PDFs, semantische Überschriften, Metatexte und Alternativtexte entscheiden darüber, ob KI-Systeme Ihre Inhalte korrekt wiedergeben oder auf Drittquellen ausweichen.
Die zentrale Erkenntnis: Die Infrastruktur steht. Was fehlt, ist der nächste Schritt – eine IR-Kommunikation, die nicht nur informiert, sondern überzeugt: durch Equity Story, Visualisierung, Geschwindigkeit und KI-Readiness.
Strategie & Daten: Fundamentale Exzellenz trifft auf digitale Defizite
Die Kommunikation von Unternehmenswerten hat in den letzten Jahren einen bemerkenswerten Aufschwung erlebt. Die große Mehrheit der Unternehmen stellt heute ihre Werte im IR-Bereich dar, die Verbindung zum wirtschaftlichen Erfolg hat sich nahezu verdoppelt. Das zeigt: Unternehmen haben verstanden, dass Werteorientierung auch Kapitalmarktkommunikation ist. Gleichzeitig ist der Verweis auf die Corporate Story rückläufig – ein Widerspruch, der ins Auge fällt.
Hier liegt eine zentrale verpasste Chance: Gerade, wenn Nutzer über Gründe für ein Investment nachdenken, sollten die Websites die passenden Antworten liefern. Das Thema „Why invest?“ wird von vielen Unternehmen auf der IR-Website selten zentral aufgehängt. Dabei liegt genau hier die Differenzierungsmöglichkeit: Wenn Investment-Argumente direkt mit den passenden Kennzahlen verknüpft werden, ergeben sich messbare Wettbewerbsvorteile. Die Equity Story bleibt damit ein unterschätzter Hebel.
Kennzahlen: Starke Basis, technologische Defizite
Bei den fundamentalen finanziellen Informationen haben die Unternehmen ihre Hausaufgaben gemacht. Mehrjahresvergleiche erreichen nahezu vollständige Abdeckung, strategische Zielsetzungen und Ausblick liegen ebenfalls auf Höchstniveau. Der Fokus liegt klar darauf, wesentliche finanzielle Informationen und gesetzlich relevante Daten digital zugänglich zu machen.
Doch ausgerechnet bei der Visualisierung und interaktiven Aufbereitung dieser Daten zeigen sich gravierende Defizite. Mit etwas mehr als der Hälfte bereitet nur eine knappe Mehrheit Kennzahlen smart auf – Tendenz sogar rückläufig. Die Visualisierung von Kennzahlen wird nur von einem sehr kleinen Teil gut umgesetzt. Die Nutzung von Kennzahlen-Tools auf der Website ist extrem niedrig.
Drei Viertel bieten Kennzahlen als Excel-Download, mehr als die Hälfte visualisiert Dividenden-Zeitreihen. Doch das bedeutet: Unternehmen stellen Rohdaten bereit, überlassen die Aufbereitung aber den Nutzern. Für Analysten mag das funktionieren – für Privatanleger ist es eine Barriere. Fortgeschrittene digitale Tools zur Datenvisualisierung und -analyse hinken deutlich hinterher.
ESG: Strategisch verankert, operativ enttäuschend
Nachhaltigkeit gehört fest zur IR-Kommunikation. Die ESG-Verordnungen sind von den meisten Unternehmen umgesetzt worden. Nachhaltigkeitsthemen dürfen auf der IR-Website nicht mehr fehlen. ESG-Themen für Investoren sind nahezu flächendeckend etabliert, die Nachhaltigkeitsstrategie wird klar benannt.
Doch während die strategische Verankerung funktioniert, hapert es an Transparenz und operativer Tiefe. Nur eine Minderheit der Unternehmen veröffentlicht ESG-Kennzahlen, und lediglich ein sehr kleiner Teil bietet ein Kennzahlen-Tool für ESG-Kennzahlen an. Weniger als die Hälfte verknüpft ESG als integralen Teil der Kapitalmarkt-Story, nur knapp mehr als die Hälfte stellt einen Zusammenhang zwischen Nachhaltigkeitsaufwänden und Geschäftserfolg her.
Die Digitalisierung der Berichterstattung bleibt fragmentiert. Online-Geschäftsberichte nehmen langsam zu. ESG wird kommuniziert – aber nicht konsequent in die finanzielle Argumentation eingebettet und nicht mit den Tools unterlegt, die Investoren erwarten.
Dialog & Content: Kontakt funktioniert, Interaktion fehlt
Die grundlegende Kontaktinfrastruktur deutscher IR-Websites funktioniert. Doch während die technische Basis stimmt, zeigt sich bei näherer Betrachtung ein auffälliges Muster: Unternehmen vermeiden dialogorientierte Formate und scheuen jede Form von Echtzeit-Interaktion. Was intern als kommunikative Professionalität verstanden wird, empfinden Stakeholder vermeintlich zunehmend als nicht mehr zeitgemäß.
Kontakt & Social Media: Basis gut, eigenständige IR-Kanäle fehlen
One-Click-Kontaktmöglichkeiten und die Vorstellung von Ansprechpartnern gehören heute zur Selbstverständlichkeit und sind nahezu flächendeckend umgesetzt. Auch News Feeds auf IR-Startseiten sind inzwischen Standard. Das ist das Ergebnis jahrelanger Professionalisierung und zeigt: Unternehmen haben verstanden, dass Erreichbarkeit die Grundlage für Vertrauen ist.
Doch darüber hinaus passiert wenig. Innovative Formate wie IR-Blogs oder IR-Magazine bleiben absolute Ausnahmen – obwohl gerade solche Formate helfen könnten, komplexe Themen wie ESG-Transformation, strategische Neuausrichtungen oder Geschäftsmodellwandel über Quartalsberichte hinaus zu kontextualisieren. Die Chance, durch journalistische Tiefe Glaubwürdigkeit aufzubauen, bleibt damit weitgehend ungenutzt.
Bei Social Media zeigt sich eine klare Konsolidierung. LinkedIn und YouTube dominieren, X ist deutlich zurückgefallen. Das spiegelt die allgemeine Plattform-Entwicklung wider – und zeigt gleichzeitig das zentrale Problem: Dedizierte IR-Kanäle bleiben selten. Die meisten Unternehmen bespielen Corporate-Kanäle, aber nur wenige haben eigenständige IR-Accounts, die gezielt Investoren und Analysten ansprechen. Dabei wäre genau das die Chance: LinkedIn für institutionelle Investoren, YouTube für Earnings Calls und Analystenpräsentationen – nicht als Anhängsel der Unternehmenskommunikation, sondern als eigenständige IR-Stimme mit klarer Zielgruppenansprache.
Dialog & Interaktion: Das große Schweigen
Während im Kundenservice Chatbots längst Standard sind, bleibt IR eine nahezu dialogfreie Zone. Chatmöglichkeiten sind marginale Randerscheinungen – ausschließlich Chatbots, kein Livechat.
Die Konsequenz: Fragen werden auf anderen Kanälen gestellt – in Foren, auf Tiktok, in Investment-Gruppen. Dort, wo Unternehmen keine Kontrolle haben. Der Verzicht auf Dialog ist damit nicht Risikominimierung, sondern Risikoverlagerung. Man vermeidet die direkte Auseinandersetzung – und verliert dadurch die Möglichkeit, Missverständnisse frühzeitig zu klären.
Technische Performance: Hohe Auffindbarkeit, kritische Geschwindigkeit
Die Unternehmen legen hohen Wert auf grundlegende Auffindbarkeit und wichtige Service-Elemente. Die Auffindbarkeit in Suchmaschinen ist perfekt – nahezu alle erreichen Top-Rankings für zentrale Begriffe wie „Unternehmen und Aktie" sowie „Unternehmen und Dividende". Das ist das Ergebnis jahrelanger SEO-Optimierung.
Wichtige HV-Services wie Überblick Events, Informationen zur Hauptversammlung und das Archiv zu Hauptversammlungen werden durchweg erfüllt. Service-Features wie importierbare Kalendereinträge bieten drei Viertel, Analystenempfehlungen mehr als die Hälfte.
Usability-Herausforderungen: Barrierefreiheit und Geschwindigkeit
Die Unternehmen haben jedoch Schwierigkeiten bei der Umsetzung moderner Standards in Bezug auf Geschwindigkeit und Barrierefreiheit. Die technische Performance bleibt kritisch: Nur eine Minderheit erreicht akzeptable mobile Ladezeiten, nur ein kleiner Teil erfüllt Barrierefreiheits-Mindeststandards. Die Barrierefreiheit liegt bei lediglich einem kleinen Teil. Besonders der Pagespeed Mobile ist mit nur einem sehr niedrigen Wert ein deutliches Defizit – trotz Verbesserungen gegenüber den Vorjahren.
Das ist mehr als ein technisches Problem. Langsame Seiten verlieren Besucher. Nicht barrierefreie Inhalte schließen Nutzergruppen aus – nicht nur Menschen mit Einschränkungen, sondern auch ältere Investoren, Menschen in Regionen mit schlechter Netzabdeckung, Nutzer auf mobilen Geräten. Und: Suchmaschinen und KI-Systeme bewerten gut strukturierte, schnelle Seiten besser. Barrierefreiheit ist kein Compliance-Thema – es ist ein Wettbewerbsfaktor.
KI-Readiness: Die nächste Entwicklungsstufe fehlt
Zum Thema Digitalisierung und KI wird sich auch zunehmend im IR-Kontext positioniert. Nachdem viele IR-Websites SEO-optimiert wurden, gilt es in der Folgezeit, die IR-Websites auch für die entsprechenden KI-Tools sichtbarer zu gestalten. Die meisten Unternehmen sind noch nicht KI-ready. SEO beherrschen sie gut, KI-Readiness ist noch nicht gegeben.
Spätestens hier wird klar: Barrierefreie PDF-Dokumente, Online-Reporting, Kennzahlentools, strukturierte Überschriften, Metatexte, Alternativtexte für Bilder und Grafiken, der Einsatz von Bulletpoints, die Vermeidung von Fließtexten und die gründliche Herausstellung der wesentlichen Fakten und Kennzahlen sowie die Aktualität beziehungsweise Terminierung der entsprechenden Beiträge und Kennzahlen.
ChatGPT, Perplexity und Google Gemini durchsuchen Inhalte rund um die Uhr und beantworten Investorenanfragen – oft auf Basis externer, unvollständiger Quellen. Wer hier nicht präsent ist, verliert die Kontrolle über seine Erzählung.
IR steht vor einem Paradigmenwechsel
Der IR Benchmark dokumentiert nicht nur technische Fortschritte und operative Lücken. Die Daten belegen eine grundlegende Neupositionierung: IR wandelt sich vom Transparenzstandard zum Überzeugungshebel.
Die Ergebnisse zeigen eine klare Asymmetrie. Während Governance, Transparenz und Service perfektioniert wurden, bleiben drei Dimensionen dramatisch unterentwickelt: Überzeugungskraft, Datentiefe und technische Exzellenz.
- Unternehmen berichten – aber sie erzählen nicht.
- Sie stellen Zahlen bereit – aber machen sie nicht verständlich.
- Sie sind sichtbar – aber nicht schnell genug.
Die nächste Entwicklungsstufe liegt nicht in weiterer Standardisierung. Sie liegt darin, IR als Infrastruktur für Glaubwürdigkeit zu begreifen. Die Equity Story muss zum zentralen Ankerpunkt werden – visuell aufbereitet, mit Kennzahlen unterlegt, konsistent erzählt. Daten müssen so präsentiert werden, dass Investoren sie verstehen, Analysten sie nutzen können und KI-Systeme sie korrekt interpretieren. Die technische Performance muss als Wettbewerbsfaktor verstanden werden – nicht als Compliance-Thema.
Was auf dem Spiel steht, ist mehr als Sichtbarkeit. Es ist die Kontrolle über die eigene Erzählung. ChatGPT, Perplexity und Google Gemini durchsuchen Inhalte rund um die Uhr, beantworten Investorenanfragen und prägen das Bild von Unternehmen – unabhängig davon, ob diese aktiv dazu beitragen oder nicht. Wer hier nicht präsent ist, verliert die Deutungshoheit. Und zwar nicht in Monaten, sondern in Echtzeit.
Die Zukunft der IR-Kommunikation liegt in der Verbindung von Überzeugungskraft, Datentiefe und technischer Exzellenz. Die Infrastruktur steht. Was fehlt, ist der Mut, sie nicht nur zu nutzen, sondern zu gestalten. Die Zukunft gehört den Unternehmen, die nicht nur informieren, sondern überzeugen.











