GenAI in Investor Relations: Zwischen Experimentiermodus und Deutungshoheit – wo Unternehmen 2026 wirklich stehen
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Alle reden über KI in der IR. Aber wer nutzt sie wirklich? Thorsten Greiten, Geschäftsführer von NetFed, macht die Bestandsaufnahme: ein Reifegradmodell, echte Quick Wins aus dem DAX-40-Alltag – und eine unbequeme Wahrheit über Deutungshoheit im Kapitalmarkt.
KI in Investor Relations 2026: 95 Prozent reden. 5 Prozent machen.
Fragt man IR-Verantwortliche, ob sie KI nutzen, nicken fast alle. Fragt man, wie genau, wird es still. Zwischen „Ich habe mal einen Report in ChatGPT reinkopiert" und einem echten Produktiveinsatz liegen Welten.
Unsere zahlreichen IR-Workshops zeigen: Rund die Hälfte der Emittenten beobachtet oder testet KI punktuell. Strukturell eingebettet hat sie kaum jemand. Nur geschätzt fünf Prozent arbeiten mit eigenentwickelten Agenten. Der Rest? Experimentiert – oder redet darüber.
Vier Stufen: Wo steht Ihr Unternehmen?
Wir haben die aktuelle Lage in ein Reifegradmodell übersetzt:
Reifegradmodell
| Reifegrad | Charakteristik | Verbreitung (Schätzung) |
| Stufe 1 Beobachten | KI wird als Trend wahrgenommen, aber nicht aktiv genutzt. Vereinzelte Experimente finden statt, jedoch ohne jegliche Strategie. Anwendungen wie z.B. MS Copilot sind nur in Basisversionen verfügbar. Auswertungen der eigenen Website finden nicht statt. | ~45 % der Unternehmen |
| Stufe 2 Pilotieren | Erste Anwendungsfälle befinden sich im Einsatz (z. B. Textentwürfe, Sentiment-Analyse). Es gibt jedoch keinen systematischen Rollout in der Organisation. Anwendungen wie MS Copilot sind nur vereinzelt in höheren Versionen freigeschaltet. Regelmäßige Analytics- Auswertungen der eigenen Webseite zeigen vermehrt Zugriffe der Investoren durch KI-Modelle. | ~35 % der Unternehmen |
| Stufe 3 Skalieren | KI ist in mehrere IR-Prozesse integriert, es gibt Schnittstellen zu internen Systemen oder anderen Abteilungen (z.B. Controlling). Erste Agenten und Automatisierungen zeigen Kosten- und Zeitersparnisse im Produktivbetrieb. Anwendungsumgebungen wie z.B. MS Office 365 sind komplett ausgerollt und verfügbar. Die Webseite legt Wert auf Barrierefreiheit, ist für Suchmaschinen optimiert und taucht als Quelle bei ChatGPT auf. | ~15 % der Unternehmen |
| Stufe 4 Industrialisieren | KI-gestützte IR-Workflows gelten als Standard im ganzen Bereich und darüber hinaus. Das ermöglicht Personalisierung, Echtzeit-Monitoring oder den Einsatz autonomer Agenten, die weit über die eigenen Standardpakete hinaus verfügbar sind. Echte Effizienzgewinne sind spürbar und neue, innovative Ideen werden direkt umgesetzt. Die Webseite als Content Hub betrachtet Maschinen als Hauptzielgruppe. Auch der Content selber ist skalierbar und KI geprägt. Internationale Kommunikation erfolgt z.B. über Avatare in reichweitenstarken Social Media Kanälen. | ~5 % der Unternehmen |
Was wirklich funktioniert
Aus unseren DIRK-Expertenworkshops kristallisieren sich drei klare Gewinner heraus:
Analystenreports verdichten. Report hochladen, Prompt mit klarer Struktur – Gesamteinschätzung, Finanzdaten, Zielkursänderung – und Copilot liefert ein fertiges Briefing in Minuten statt Stunden. Funktioniert genauso für Peer-Reporting nach Quartalszahlen.
Die Informationsflut filtern. IR-Teams ertrinken in Studien, Reports und Interviews. Ein einziger Prompt identifiziert, ob ein Dokument relevante Hinweise enthält. Klingt banal. Spart Stunden.
Investorenveranstaltungen vorbereiten. Zielgruppe beschreiben, Geschäftsbericht hochladen – innerhalb von Minuten steht eine praxisnahe Fragenliste. Kein stundenlanger Brainstorm mehr.
Dazu kommt ein Bereich, den viele noch als Marketing-Spielerei abtun, der aber strategische Sprengkraft hat: Content-Strukturierung für KI-Sichtbarkeit. Ob ein Unternehmen in ChatGPT, Perplexity oder Gemini als Quelle erscheint, ist keine SEO-Frage – es geht um Deutungshoheit im Kapitalmarkt.
Avatare: Unterschätzte Effizienzmaschine
Was IR-Teams im Alltag ausbremst, ist selten der Inhalt – sondern die Produktion. Für jede Quartalsbotschaft einen Drehtermin organisieren? In der Berichtssaison unrealistisch.
Avatare lösen genau dieses Problem: Kurzfristige Videoproduktion, mehrsprachige Versionen parallel, höhere Verweildauer auf IR-Seiten. Gerade Privatanleger, die vor 80-seitigen PDFs kapitulieren, profitieren davon.
Wichtige Einschränkung: Avatare stärken die digitale Präsenz. Das Vertrauen institutioneller Investoren gewinnt man weiterhin persönlich.
Was überschätzt wird
Autonome Systeme ohne menschliche Kontrolle. Der Validierungsschritt bleibt in der IR zwingend menschlich – kapitalmarktrechtlich gibt es keine Alternative.
Ein Beispiel aus unseren Workshops: KI sollte die Hauptversammlungstermine aller DAX-40-Unternehmen recherchieren. Ergebnis? Selbst der HV-Termin des eigenen Unternehmens war falsch.
Die Faustformel: KI ist stark beim Verdichten, Formulieren und Filtern. Beim eigenständigen Recherchieren verifizierter Fakten? Noch nicht.
Copilot als Anker – und eine Warnung vor Tool-Chaos
Microsoft Copilot sammelt aktuell die meisten Pluspunkte in IR-Abteilungen. Nicht weil es das beste Tool ist, sondern weil M365 ohnehin das digitale Zuhause ist. Copilot dockt an Outlook, Word, Excel und Teams an – und die Daten bleiben im eigenen Tenant. Für Teams, die täglich mit vertraulichen Finanzdaten arbeiten: entscheidend.
Viele DAX-40-Konzerne gehen bereits weiter – eigene KI-Ökosysteme, interne GPT-Plattformen, spezialisierte Assistenten. Andrea Wentscher von BASF bringt es auf den Punkt: Der größte Nutzen entsteht im eigenen Arbeitsumfeld, weil der eigene Tenant die Sicherheit erhöht.
Wovon wir abraten: Tool-Kataloge anlegen und sich in Einzellösungen verlieren. Besser: Konkrete Engpässe im IR-Alltag identifizieren und dort systematisch Erfahrung aufbauen.
Prompts: Einfach anfangen, dann verfeinern
Entscheidend für die Qualität jedes KI-Outputs ist der Prompt. Wir nutzen das Akronym RICEFACT als Leitplanke: Role, Instruction, Context, Examples, Format, Action, Constraints, Tone.
Aber ehrlich: Manchmal reicht ein simpler Dreizeiler – besonders wenn das hochgeladene Dokument genug Kontext liefert. Der beste Prompt ist der, den man tatsächlich benutzt.
Die unbequeme Wahrheit: KI prägt Ihre Reputation – mit oder ohne Sie
Hier wird es strategisch. KI-Systeme wie ChatGPT, Claude, Perplexity und Gemini durchsuchen Unternehmensinhalte rund um die Uhr. Sie beantworten Investorenanfragen und formen das Bild eines Unternehmens – völlig unabhängig davon, ob dieses aktiv dazu beiträgt.
Reputation wird nicht mehr nur durch das geprägt, was Unternehmen sagen. Sondern durch das, was KI-Systeme über sie berichten.
Drei Konsequenzen:
- Equity Story inszenieren. „Why invest" muss als zentraler Ankerpunkt der IR-Website funktionieren – nicht als Fließtext auf Seite drei.
- Daten verständlich machen. Interaktive Visualisierungen statt Excel-Downloads. Wer Daten bereitstellt, aber nicht erklärt, überlässt die Interpretation der Maschine.
- KI-Readiness als Pflicht. Strukturierte Daten, barrierefreie Dokumente, semantische Überschriften, Metatexte, Alternativtexte. Wer hier nicht liefert, verliert die Kontrolle über seine eigene Erzählung – an unvollständige Informationen und Drittanbieter-Interpretationen. Nicht in Monaten. In Echtzeit.
Andrea Wentscher von BASF hat die operative Seite treffend zusammengefasst: Idealerweise verbleibt durch KI mehr Zeit für das „Relations" in IR. Das stimmt. Buchwissen verliert an Bedeutung. Erfahrungswissen zählt.
Aber die strategische Seite ist drängender: Wer heute handelt, sichert sich die Deutungshoheit von morgen. Wer wartet, überlässt sie anderen.

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