IR steht vor einem fundamentalen Paradigmenwechsel – drei Entwicklungsstufen für die nächste Generation

Der aktuelle IR Benchmark zeigt: Die Infrastruktur steht, doch die nächste Entwicklungsstufe fehlt. Während Unternehmen Governance perfektioniert haben, bleiben Überzeugungskraft, Datentiefe und KI-Readiness unterentwickelt. Drei konkrete Entwicklungsstufen entscheiden darüber, wer die Deutungshoheit über seine IR-Kommunikation behält – und wer sie an ChatGPT & Co verliert.
Die Frage ist nicht mehr, ob Unternehmen berichten – sondern wie sie ihre Geschichte erzählen, ihre Daten aufbereiten und ihre Glaubwürdigkeit im digitalen Raum verteidigen.
Der aktuelle IR Benchmark dokumentiert nicht nur technische Fortschritte und operative Lücken. Er markiert einen Wendepunkt: Investor Relations entwickelt sich von der regulatorischen Pflichtkommunikation zur strategischen Überzeugungsinfrastruktur. Governance ist etabliert, Kennzahlen werden bereitgestellt, ESG ist strategisch verankert. Die Infrastruktur steht. Doch während die Pflichterfüllung perfektioniert wurde, bleibt die nächste Entwicklungsstufe weitgehend unerschlossen.
Drei Entwicklungsfelder entscheiden darüber, ob IR-Kommunikation auch in den nächsten Jahren ihre Funktion erfüllt – oder ob andere Akteure die Deutungshoheit übernehmen.
Stufe 1: Von Compliance zu Conviction – die Equity Story muss inszeniert werden
Unternehmen kommunizieren heute ihre Werte, benennen Investment-Argumente und erklären ihre Strategie. Doch die Übersetzung in eine überzeugende Erzählung fehlt. Das zentrale Thema „Why invest" hängen nur wenige prominent auf ihrer IR-Website auf. Dabei liegt genau hier die Differenzierungsmöglichkeit: Wenn Investment-Argumente direkt mit den passenden Kennzahlen verknüpft werden, ergeben sich messbare Wettbewerbsvorteile.
Was das konkret bedeutet: Die Equity Story muss nicht nur kommuniziert, sondern inszeniert werden. Das bedeutet: „Why invest" wird zum zentralen Ankerpunkt der IR-Website – visuell aufbereitet, mit Kennzahlen unterlegt, konsistent über alle Formate hinweg. Die Narrative verbindet Werte, Strategie, ESG und finanzielle Performance zu einer schlüssigen Geschichte. Nicht in PDF-Formaten versteckt, sondern prominent platziert und digital erlebbar.
Die Konsequenz: Wer seine Story nicht erzählt, überlässt sie anderen. Analysten konstruieren ihre eigene Erzählung, Medien interpretieren Quartalszahlen ohne strategischen Kontext, und KI-Systeme greifen auf externe Quellen zurück, die oft unvollständig oder veraltet sind.
Stufe 2: Von Daten zu Erkenntnissen – Visualisierung schafft Verständnis
Kennzahlen sind überall verfügbar. Die fundamentalen Zahlen sind exzellent aufbereitet – Kennzahlenvergleiche, strategische Zielsetzungen und Ausblicke gehören zum Standard. Doch ihre Visualisierung und interaktive Aufbereitung bleiben dramatisch zurück. Nur eine Minderheit bereitet Kennzahlen smart auf, interaktive Kennzahlen-Tools sind absolute Ausnahmen.
Was das konkret bedeutet: Moderne IR-Kommunikation bedeutet nicht, mehr Daten bereitzustellen, sondern sie so zu präsentieren, dass Investoren sie verstehen, Analysten sie nutzen können und KI-Systeme sie korrekt interpretieren. Der nächste Schritt: interaktive Tools mit Mehrjahresvergleichen, smarte Visualisierungen statt Excel-Downloads, kontextualisierte Aufbereitung statt Rohdaten-Bereitstellung.
Die Konsequenz: Unternehmen bedienen heute Analysten – und verlieren Privatanleger. Sie stellen Daten bereit – aber schaffen keine Erkenntnisse. Die Demokratisierung von Finanzinformationen bleibt damit ein leeres Versprechen. Wer Daten nicht verständlich macht, überlässt die Interpretation anderen.
Stufe 3: Von SEO zu KI-Readiness – Maschinenlesbarkeit wird zur Pflicht
Unternehmen haben SEO perfektioniert. Ihre Websites sind für Google optimiert, Rankings sind exzellent, die Auffindbarkeit ist nahezu perfekt. Doch die nächste Generation der Informationsbeschaffung findet nicht mehr über Suchmaschinen statt, sondern über KI-Systeme. ChatGPT, Perplexity und Google Gemini durchsuchen Inhalte rund um die Uhr, beantworten Investorenanfragen und prägen das Bild von Unternehmen – unabhängig davon, ob diese aktiv dazu beitragen oder nicht.
Was das konkret bedeutet: KI-Readiness ist keine technische Option mehr, sondern strategische Notwendigkeit. Entscheidend sind: strukturierte Daten, barrierefreie PDF-Dokumente, Online-Reporting, Kennzahlentools, semantische Überschriften, Metatexte, Alternativtexte für Bilder und Grafiken, der Einsatz von Bulletpoints statt Fließtexten, die gründliche Herausstellung der wesentlichen Fakten und Kennzahlen sowie die Aktualität beziehungsweise Terminierung der entsprechenden Beiträge und Kennzahlen.
Die Konsequenz: KI-Systeme greifen auf die Quellen zu, die am besten strukturiert, am schnellsten verfügbar und am klarsten kontextualisiert sind. Wer hier nicht präsent ist, verliert die Kontrolle über seine Erzählung – an externe Quellen, unvollständige Informationen, Drittanbieter-Interpretationen. Und zwar nicht in Monaten, sondern in Echtzeit.
Was auf dem Spiel steht
Wer diese drei Entwicklungsstufen nicht vollzieht, verliert mehr als Sichtbarkeit. Er verliert die Kontrolle über seine Erzählung. Reputation wird nicht mehr durch das geprägt, was Unternehmen sagen, sondern durch das, was KI-Systeme über sie berichten. Und diese Systeme greifen auf die Quellen zu, die am besten aufbereitet sind – nicht unbedingt auf die, die am nächsten an der Quelle sind.
Die Asymmetrie ist bemerkenswert: Während Unternehmen ihre Governance perfektioniert, ihre Kennzahlen exzellent aufbereitet und ihre ESG-Strategie kommuniziert haben, bleiben Überzeugungskraft, Datentiefe und technische Exzellenz unterentwickelt. Sie berichten – aber sie erzählen nicht. Sie stellen Zahlen bereit – aber machen sie nicht verständlich. Sie sind sichtbar – aber nicht schnell genug.
Die Zukunft gehört denen, die gestalten – nicht nur erfüllen
Die Zukunft der IR-Kommunikation liegt in der Verbindung von Überzeugungskraft, Datentiefe und technischer Exzellenz. Die Infrastruktur steht. Was fehlt, ist der Mut, sie nicht nur zu nutzen, sondern zu gestalten.
Das bedeutet konkret:
- Die Equity Story prominent machen – nicht verstecken, sondern inszenieren
- Daten visualisieren – nicht nur bereitstellen, sondern verständlich machen
- KI-Readiness sicherstellen – nicht nur für Google optimieren, sondern für ChatGPT & Co
Die Werkzeuge sind verfügbar. Die Good Practices sind dokumentiert. Die Technologie ist ausgereift. Was fehlt, ist die Entscheidung, IR-Kommunikation nicht als Pflichtkommunikation, sondern als strategischen Wettbewerbsvorteil zu begreifen.
Wer heute handelt, sichert sich die Deutungshoheit von morgen. Wer wartet, überlässt sie anderen.

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