23. März 2018 | Thorsten Greiten

Datenaffäre um Facebook: Wo ist der Skandal?

Nach der Datenaffäre will das EU-Parlament Zuckerberg vorladen und befragen. US-Investoren reichen Klage gegen Facebook ein und die Facebook-Aktie verliert binnen Stunden Milliardenwerte.

Was war passiert?

Der Hintergrund: Das britische Unternehmen Cambridge Analytica war mit Hilfe einer App in den Besitz von Daten von mehr als 50 Millionen Nutzern gelangt. Auf Basis der Datenmenge entwickelte das Unternehmen eine Software, die nach Auswertung individueller Profile politische Anzeigen schaltete, die auf individuelle Personen zugeschnitten wurden. Dies galt als entscheidender Schlüssel für Trumps Wahlsieg 2016. Die New York Times und der Guardian deckten diesen „Skandal“ nun auf.

Gut, früher hat man sich in der Dorfkneipe an der „Filterblase Stammtisch“ beeinflussen lassen. Heute kennt jeder jeden und das digitale Dorf hat acht Milliarden Einwohner. Aber muss ich da meine komplette Skepsis und freie Meinungsbildung über Bord werfen?

Facebook entsetzt

Zuckerberg hat auf den Datenskandal mit Bedauern reagiert: „Das gesamte Unternehmen ist entsetzt darüber, dass wir hintergangen wurden“, heißt es. Facebook werde alles tun, um seine Richtlinien durchzusetzen und die Informationen der Nutzer zu schützen. In Wirklichkeit verschleiert Zuckerberg, worum es wirklich geht.

Emsige Datenstaubsauger am Werk

Facebook gehört zu den gleichen „Big Brother“-Institutionen wie Google, Amazon, Ebay, LinkedIn etc. und lässt sich dabei, wie alle anderen großen Online-Giganten auch, selbst nicht in die Karten schauen.

Die Unternehmen verdienen ihr Geld (und unsere Shareholder-Dividenden) damit, den intimsten Mikrokosmos (!) unserer privaten Daten zu sammeln, zu aggregieren, auszuwerten und an den Höchstbietenden weiterzuverkaufen.

All diese Tatsachen sind bekannt! Wo ist der Skandal? Alles was digitalisiert werden kann, wird digitalisiert werden. Alles, was digital ist, ist öffentlich. Selbst der digitalisierte Fingerabdruck oder die Daten der Gesichtserkennung, die täglich mehrere hundert Male in die US-Zentrale des Apple-Konzerns gesendet werden, sind uns egal geworden. Ist ja bequem. Habe ja nichts zu verbergen! Und vor allem: Kostet ja nichts! Passwortschutz? Zu kompliziert, lieber mit Facebook-Schnittstelle einloggen.

Nochmal für alle: Google, Facebook, Amazon und Co. sind nicht öffentliche, sondern private Unternehmen mit knallharten wirtschaftlichen Absichten!

Mit WhatsApp, Instagram und dem Facebook-Messenger verfügt Facebook über weitere Datenstaubsauger und hat somit die Hand auf vier der größten Kommunikations-Apps und Netzwerken weltweit.

Unbegrenztes Wachstum?

Der eigentliche Skandal ist unsere laute #DeleteFacebook-Betroffenheit, die noch größer ist als unsere mit digitaler Naivität gepaarte Bequemlichkeit. Alle Online-Riesen leben von unbegrenztem Nutzerwachstum und der mobilen Spontanaktivität ihrer Mitglieder. Es bleibt abzuwarten, ob wir tatsächlich Zeitzeugen eines erreichten „Social Peaks“ sind oder ob nach Abflachen der Empörungswelle alle damit fortfahren, Katzenvideos, Fotos von Mittagessen oder den momentanen Gemütszustand zu posten.

Bleibt wachsam!

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