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24. Februar 2026 | Thorsten Greiten

MS Copilot in der Investor Relations: Echte Business Cases aus dem DAX-40-Alltag

Beitrag: MS Copilot in der Investor Relations: Echte Business Cases aus dem DAX-40-Alltag

Künstliche Intelligenz verändert die Arbeitswelt – und Investor Relations bildet keine Ausnahme. Während viele IR-Abteilungen noch abwägen, ob und wie sie KI-Tools einsetzen sollen, zeigen Praxisbeispiele aus DAX-40-Konzernen bereits heute, wo Microsoft Copilot echten Mehrwert schafft. Und ebenso wichtig: wo die Grenzen liegen.

Die Grundlage dieses Beitrags: der DIRK-Expertenworkshop „KI für IR nutzen! Praxisworkshop Copilot & Co. für Experten", den NetFed gemeinsam mit dem DIRK – Deutscher Investor Relations Verband organisiert und inhaltlich gestaltet hat. Die fünf hier vorgestellten Cases sind praxiserprobt – sie stammen aus dem realen IR-Alltag von DAX-40-Unternehmen und wurden im Workshop vorgestellt, getestet und gemeinsam eingeordnet.

Warum gerade Microsoft Copilot?

Microsoft 365 ist für die meisten IR-Abteilungen ohnehin das digitale Zuhause. Copilot dockt genau hier an: direkt eingebettet in Outlook, Word, Excel, PowerPoint und Teams, greift es über den Microsoft Graph auf den eigenen Unternehmens-Tenant zu – E-Mails, Kalender, SharePoint-Dokumente, Teams-Nachrichten.

Für IR-Teams, die täglich mit vertraulichen Finanzdaten und sensibler Kapitalmarktkommunikation arbeiten, ist das entscheidend: Die Daten bleiben innerhalb der geschützten IT-Umgebung und erfüllen interne Compliance- und Datenschutzstandards. Viele DAX-40-Konzerne gehen bereits weiter und bauen eigene KI-Ökosysteme auf – interne Chat-Systeme auf GPT-4o-Basis, spezialisierte Assistenten und unternehmenseigene KI-Plattformen.

Fünf praxiserprobte Cases aus dem IR-Alltag

Case 1: Vorbereitung auf Privatanlegervorträge

Vor einem Vortrag vor Privatanlegern lässt sich Copilot nutzen, um sich systematisch auf mögliche Fragen aus dem Publikum vorzubereiten. Der Prompt ist dabei bewusst detailliert formuliert – mit Rollenangabe, Aufgabenbeschreibung, Kontext zur Zielgruppe und gewünschtem Format. Die Zuhörer werden beschrieben: überwiegend männlich, zwischen 50 und 60 Jahren alt, mit sehr gutem Kapitalmarktverständnis und guter Kenntnis des Unternehmens. Copilot soll eine Liste mit 15 möglichen Fragen erstellen, die freundlich, aber durchaus kritisch sein dürfen.

Das Ergebnis: eine praxisnahe Fragenliste, die als solide Grundlage für die Vorbereitung dient. Im zweiten Schritt wird der aktuelle Geschäftsbericht hochgeladen, und Copilot reichert die Antwortvorschläge mit konkreten Zahlen und Fakten an. Statt stundenlanger Recherche steht innerhalb von Minuten ein fundiertes Briefing.

Einschätzung: Überzeugender Einstiegscase. Je präziser die Zielgruppe beschrieben wird, desto relevanter die generierten Fragen. Für die regelmäßige Vorbereitung auf Investorenveranstaltungen ein echter Quick Win.

Case 2: Analystenreports für das Management aufbereiten

IR-Abteilungen erhalten regelmäßig Analystenreports, die für die Geschäftsleitung verdichtet werden müssen – eine klassische Routineaufgabe mit hohem Zeitaufwand. Copilot kann sie übernehmen: Der Report wird als Datei hochgeladen, und der Prompt gibt eine klare Struktur vor – Gesamteinschätzung, positive Aspekte, Herausforderungen, Finanzdaten und Ausblick sowie Veränderungen im Zielkurs und in der Kaufempfehlung.

Besonders praktisch: Copilot erstellt das Briefing direkt als formatiertes Word-Dokument. Schriftart, Schriftgröße, Überschriftenfarbe und Aufzählungsformate lassen sich im Prompt definieren. Das spart nicht nur inhaltliche Arbeit, sondern auch die anschließende Formatierung – einer der typischen, oft unterschätzten Zeitfresser im IR-Alltag.

Der gleiche Ansatz funktioniert auch für Peer-Reporting: Veröffentlicht ein Wettbewerber Quartalszahlen, können Pressemitteilung und Investorenpräsentation hochgeladen werden. Copilot fasst die wesentlichen Finanzkennzahlen zusammen, erläutert Veränderungen im Vergleich zum Vorjahr und bereitet Guidance-Anpassungen auf.

Einschätzung: Die Kombination aus inhaltlicher Verdichtung und automatischer Formatierung trifft einen echten Pain Point – und die Erweiterung auf Peer-Reporting zeigt, wie ein einmal entwickelter Prompt-Ansatz skalierbar wird.

Case 3: Recherche und Wettbewerbsanalyse – mit ehrlichem Fazit

Zu Jahresbeginn steht in vielen IR-Abteilungen die Recherche der Hauptversammlungstermine aller DAX-40-Unternehmen an. Copilot kann hier eine erste Übersicht erstellen – allerdings mit einer wichtigen Einschränkung, die im Workshop offen thematisiert wurde: Die Daten waren teilweise fehlerhaft. Im konkreten Fall war sogar der HV-Termin des eigenen Unternehmens falsch angegeben.

Die Lehre daraus: KI-generierte Daten müssen immer gegengeprüft werden. Im Workshop wurde gezeigt, wie Copilot nach Quellen befragt wurde, die Angaben gegen Unternehmenswebsites abgeglichen wurden – und wie Copilot wiederum beim Verfassen eines Anschreibens an den Betreiber einer fehlerhaften Übersichtsseite half. Ein anschauliches Beispiel dafür, wie Mensch und KI im Zusammenspiel effizienter arbeiten als jeder für sich.

Bei einer komplexeren Recherche – dem Format der Quartalsberichterstattung aller DAX-40-Unternehmen inklusive Call-Formaten und Links – stieß Copilot hingegen deutlich an seine Grenzen. Die Informationen waren unvollständig, teilweise falsch, Links nicht klickbar.

Einschätzung: Gerade wegen seiner Schwächen wertvoll. Copilot arbeitet bei faktenbasierten Recherchen mit konkreten Datenpunkten noch nicht verlässlich. Als Startpunkt brauchbar – als alleinige Quelle nicht.

Case 4: Relevanz-Check für Studien und Reports

IR-Teams werden mit Studien, Reports und Interviews überflutet. Die Kernfrage lautet oft: Lohnt es sich, ein Dokument komplett zu lesen? Copilot kann hier als intelligenter Filter fungieren. Der Prompt ist denkbar einfach: „Gibt es in diesem Dokument wichtige, nützliche Hinweise für Investor Relations? Bitte fasse diese kurz in Stichworten zusammen."

Das Ergebnis ist ein schneller Überblick, der die Leseentscheidung fundiert. Im Workshop wurde dies am Beispiel eines AI Trends Reports demonstriert: Copilot identifizierte relevante IR-Aspekte – von KI als Werttreiber für die Equity Story über Risikoberichterstattung bis hin zur Erkenntnis, dass Kapitalmarktkommunikation zunehmend maschinengetriebene Informationsökosysteme berücksichtigen muss.

Einschätzung: Bemerkenswert, dass ein sehr einfacher Prompt zu einem sehr guten Ergebnis führt – das hochgeladene Dokument liefert den Kontext von selbst. Für das tägliche Informationsmanagement ein sofort einsetzbarer Quick Win.

Case 5: Pre- und Post-Earnings Sentiment-Analyse

Der ambitionierteste Case: die systematische Analyse von Analystenreports vor und nach Quartalszahlen. Vor dem Earnings-Event sollen Schätzungen, strategische Einschätzungen und Erwartungshaltungen extrahiert, Kursziele und Revisionen verglichen und die grundsätzliche Marktstimmung eingeordnet werden. Nach dem Event folgt der Vergleich mit den aktualisierten Einschätzungen, einschließlich Empfehlungen für die Roadshow-Strategie.

Die Ergebnisse waren auf den ersten Blick vielversprechend: richtige Dokumente gefunden, KPIs korrekt analysiert, Sentiment-Reasoning erstellt. Doch die detaillierte Prüfung offenbarte Schwächen. Nicht alle geforderten Reports wurden berücksichtigt, und die Aufforderung, wirklich alle Dokumente einzubeziehen, führte teilweise sogar zu schlechteren Ergebnissen.

Einschätzung: Noch nicht produktionsreif – der Aufwand für die Qualitätskontrolle kann den der manuellen Recherche übersteigen. Trotzdem der vielleicht wichtigste Case, weil er zeigt, wohin die Reise geht und was dafür nötig ist:

  • Eine Enterprise-fähige KI-Umgebung
  • Die Absicherung sensibler Inhalte mit der IT
  • Realistische Erwartungen beim Management
  • Die Bereitschaft, Prompts permanent weiterzuentwickeln und Ergebnisse im Team zu teilen

Die Kunst des Promptens: RICEFACT als Leitplanke

Ein roter Faden durch alle Cases: Die Qualität der Ergebnisse steht und fällt mit der Qualität der Prompts. Bewährt hat sich das Akronym RICEFACT:

RICEFACT

Buchstabe Bedeutung Praxisbeispiel
R Role „Du bist ein erfahrener IR-Manager eines DAX-40-Konzerns."
I Instruction „Erstelle eine Liste mit 15 möglichen Fragen."
C Context Geschäftsbericht, Zielgruppenbeschreibung
E Examples Beispielfragen oder Formatvorlagen
F Format Word-Dokument, Bullet Points, Tabelle
A Action Konkretes Ziel der Aufgabe
C Constraints „Maximal eine Seite", „Keine Spekulationen"
T Tone Sachlich, freundlich, kapitalmarktgerecht

Gleichzeitig zeigte der Workshop: Manchmal führen auch einfache Prompts zum Ziel – insbesondere dann, wenn die hochgeladenen Dokumente ausreichend Kontext liefern (siehe Case 4).

Ein Werkzeug, kein Ersatz

MS Copilot bringt in vielen Bereichen des IR-Alltags echten Zeitgewinn: beim Formulieren und Übersetzen, beim Zusammenfassen von Dokumenten, bei der Vorbereitung auf Investorenveranstaltungen und beim Screening von Informationen. Gleichzeitig bleiben klare Grenzen: Copilot kann nicht ungeprüft eingesetzt werden, manche Aufgaben überfordern das System noch, und eine Kombination aus verschiedenen KI-Tools bringt oft die besten Ergebnisse.

Was heute noch nicht funktioniert, kann in wenigen Monaten möglich sein. Wer jetzt anfängt, Erfahrungen zu sammeln und Prompts zu verfeinern, baut einen Vorsprung auf. Denn: KI ist ein Werkzeug, kein Ersatz. Buchwissen verliert an Bedeutung – Erfahrungswissen zählt weiterhin.

Nächster DIRK-Expertenworkshop und individuelle Workshops

Der nächste DIRK-Expertenworkshop „KI für IR nutzen!" findet am 10. September 2026 statt. Anmeldung direkt über den DIRK.

Sie möchten nicht bis September warten? NetFed bietet individuelle Workshops, in denen wir uns gezielt mit den Herausforderungen Ihres IR-Alltags beschäftigen. Wir präsentieren konkrete Einsatzmöglichkeiten, testen Anwendungsfälle an Ihren realen Aufgabenstellungen und erarbeiten gemeinsam Lösungen, die in Ihrer täglichen Arbeit funktionieren.

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