29. November 2021 | Christian Berens

Einmal digitale Verantwortung, bitte! - Interview mit Dr. Saskia Dörr

Im Interview erklärt Dr. Saskia Dörr, Gründering von WiseWay, Expertin für digitale Verantwortung und Autorin des Buches "Praxisleitfaden Corporate Digitale Responsibility", was CDR eigentlich bedeutet, worauf Unternehmen jetzt achten sollten - und warum es wichtig war, eine Studie zum Thema zu veröffentlichen.

Liebe Saskia, kannst Du unseren Leser:innen vielleicht zunächst kurz erklären, was Du als Expertin unter Corporate Digital Responsibility – kurz CDR – verstehst?

Corporate Digital Responsibility ist eine Digitalisierung mit Verantwortung. Sie bündelt eine Reihe von Praktiken und Verhaltensweisen, die einem Unternehmen helfen, Daten und digitale Technologien auf eine Weise zu nutzen, die als sozial, wirtschaftlich und ökologisch verantwortungsvoll wahrgenommen wird. Der Begriff leitet sich von Corporate Social Responsibility (CSR), dem gesellschaftlich verantwortungsvollen Handelns von Unternehmen ab. Die CDR entwickelt sich seit einigen Jahren aus der CSR heraus und setzt eine spezifisch „digitale Brille“ auf. Wir verstehen darunter freiwillige unternehmerische Aktivitäten, die über das gesetzlich Vorgeschriebene hinausgehen und die digitale Welt zum Vorteil der Gesellschaft mitgestalten.

In unserer gemeinsamen CDR-Studie fiel uns auf, dass sich aus den DAX40 bereits einige Unternehmen mit diesem Thema befassen und dies auch auf ihrer Website kommunizieren. Trotzdem bekommt das Thema noch wenig Aufmerksamkeit. Warst Du erstaunt darüber?

Es hat mich tatsächlich sehr überrascht, wie viel Aufmerksamkeit dem Thema in den DAX-40-Unternehmen heute bereits beigemessen wird. Die Digitalisierung war in ihren Anfängen geprägt von einer Art „Wild-West-Manier“. Mit dem Recht des Stärkeren wurden Daten „erbeutet“ und digitale Geschäftsmodelle aufgebaut ohne die Nebenwirkungen für Mensch, Demokratie und den Planeten zu beachten. Diese Zeit ist vorbei und das zeigt unsere Studie. Mehr und mehr Unternehmen erkennen ihre Verantwortung für die digitale Gesellschaft und integrieren sozialökologische Bewertungen auch in digitale Projekte und Prozesse.  

Worin siehst Du die Herausforderungen in der Auseinandersetzung mit CDR-Themen?

Digitale Verantwortung passiert nicht auf Knopfdruck. Es braucht zunächst werteorientierte Entscheiderinnen oder Entscheider im Top Management, die die Chancen der Verantwortung in der digitalen Transformation für das Unternehmen erkennen. Sie sind es, die die Aufmerksamkeit der Organisation darauf richten und Führungskräfte sowie Mitarbeitende ermutigen, beispielsweise Datenfairness, des Bias der Algorithmen, der Verfestigung unerwünschter sozialer Stereotype oder den Öko-Fußabdruck in digitalen Projekte zu hinterfragen.  Auf den „Tone from the top“ kommt es an. Die Botschaft „Verantwortlicher Umgang von Tech und Daten ist bei uns wichtig“ muss glaubwürdig ankommen. Dafür werden bereits von einem Drittel der untersuchten Unternehmen CDR bzw. Digitale-Ethik-Strategien und -Leitlinien genutzt. Dabei ist uns aufgefallen, dass diese auch inhaltlich häufig noch weiter zu entwickeln sind.

Im Rahmen der Studie wurde auch deutlich, dass das Thema CDR von manchen Unternehmen auf der Unternehmensseite platziert, andere es im CSR-Bereich aufhängen. Wo würdest Du die Thematik ansiedeln und darüber kommunizieren?

CDR-Themen sollten wie die weiteren CR-Themen gemäß der neuen Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) im Geschäftsbericht ankommen und mit Zahlen, Daten und Fakten hinterlegt sein. Dies bringt weitere Transparenz in das digitale Business und ist Voraussetzung für Glaubwürdigkeit. Wir sehen aktuell, dass CDR-Themen in unterschiedlichen Bereichen fachlich verantwortet werden, wie z.B. neben der CR-Abteilung, die Kommunikation, der Compliance-Bereich oder der Chief Digital Officer. Aus meiner Sicht ist vor allem die unternehmensübergreifende Steuerung wichtig, die auch die Kundenfunktionen wie Produktentwicklung, Marketing, Service und Vertrieb, sowie die F&E sowie Innovationsbereiche mit einschließt.

Gab es für Dich bei der Sichtung der Ergebnisse aus der CDR-Studie Überraschungen? Wenn ja, welche wären das?

Zwei Punkte waren für mich sehr überraschend. Zum einen wie wenig die Business-Chancen einer Digitalisierung für Nachhaltigkeit bisher aufgegriffen werden. Hier liegen Potenziale einen Beitrag durch Tech und Daten für die Gemeinschaft und den Planeten zu leisten, offenbar bisher brach. Zum anderen hat mich überrascht, dass keines der DAX-Unternehmen aktiv kommuniziert, wie es Bias und Diskriminierung durch Algorithmen-basierte Entscheidungen im Unternehmen verhindert. Dabei haben eine Reihe der Unternehmen bereits Leitlinien zum Umgang mit Künstlicher Intelligenz und die Regulierung in der EU wird kommen. Hier besteht eine Chance durch Transparenz für Vertrauen zu sorgen, die bisher nicht genutzt wird.

Womit kann man als mittelständisches Unternehmen das Thema CDR vorantreiben? Wie können die ersten Schritte aussehen und was sollten Unternehmen beachten?

CDR ist als Thema inzwischen auch im Mittelstand angekommen und wird hier vor allem von den IT-Dienstleistern voran getrieben. Auch Tech-Unternehmen, die Mittelstand als Kunden haben, tragen die Thematik dorthin. Es gibt für CDR kein „Patentrezept“ und je nach Branche liegen die Schwerpunkte an einer anderen Stelle. Gut ist, dass es inzwischen einige Rahmenwerke zur Orientierung in der CDR gibt. Da ist beispielsweise der CDR Kodex der CDR Initiative des Bundesministeriums für Justiz und Verbraucherschutz, zu dem sich Unternehmen öffentlich selbst verpflichten können. Oder die CDR Building Bloxx, einer Initiative des Bundesverband Digitale Wirtschaft, die Guidelines und Praxisbeispiele öffentlich im Internet zugänglich macht. Auch die Initiative Mittelstand 4.0 des Bundeswirtschaftsministeriums hat einen Handlungsleitfaden für nachhaltige Digitalisierung herausgegeben. Ich selbst bin Mit-Herausgeberin des internationalen CDR Manifesto, zu dessen sieben Prinzipien für eine verantwortungsvolle digitale Zukunft sich Unternehmen international bekennen können. Der erste Schritt ist also, sich diese Rahmenwerke anzuschauen und zu prüfen, ob eines davon zum Unternehmen passt. Wenn diese Grundlage gelegt ist, empfehle ich, CDR als Experimentierraum zu verstehen und agil zu entwickeln.

Wenn Du einen Blick in die Glaskugel richtest: Welcher Stellenwert wird dem Thema CDR in den nächsten 5 Jahren beigemessen?

CDR sollte in fünf Jahren für den unternehmerisch verantwortlichen Umgang mit digitalen Technologien und Daten mindestens das sein, was heute CSR für die Rohstoff- und Warenströme ist. Aber noch besser integriert in die Kernprozesse des Unternehmens und verwoben mit der ESG-Berichterstattung.

Auf welches digitale Tool möchtest Du in Zukunft nicht mehr verzichten?

Ich möchte auf keines der vielen Vorteile, die die Digitalisierung in Sachen Informationsbeschaffung, Vereinfachung des Alltags, Bildung von Interessensgruppen und Vernetzung rund um den Globus nicht missen. Wenn es nur ein „Tool“ sein darf, dann ist es wohl mein Smartphone.

Vielen Dank für die interessanten Einblicke und die gute Zusammenarbeit, liebe Saskia.

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