1. März 2023 | Thorsten Greiten

Metaverse – Sprung in die dritte Dimension

Wie wird das Metaverse aussehen? Was werden wir dort tun? Und welchen Einfluss hat diese Transformation auf Unternehmen und Geschäftsmodelle? Wird das Metaverse unser Leben auf den Kopf stellen? Thorsten Greiten blickt in eine mögliche virtuelle Realität der Zukunft.

Alles, wovon du träumst, ist Fiktion, und alles, was du erreichst, ist Wissenschaft; die ganze Geschichte der Menschheit ist nichts als Science-Fiction. (Ray Bradbury, US-amerikanischer Schriftsteller, 1920-2012) 

Das Metaverse öffnet seine Pforten 

In den nächsten hundert Jahren wird die Menschheit eine Entwicklung durchlaufen, wie in den letzten 20.000 Jahren zusammen. Jedes neue Wissen baut auf vorhandenem Wissen auf und wird für neue Zwecke vernetzt. Die dazu erforderliche Technik entwickelt sich seit Jahren in rasantem Tempo fort: etwa alle 18 Monate verdoppelt sich die Leistung von Prozessoren und Speichern. Trotz Inflation sinken die Kosten für Prozessoren, Speicher und höhere Bandbreiten stetig. Vor allem in Gaming-Bereich führt das zu unglaublichen Möglichkeiten in Sachen Echtzeitvernetzung, Spielgeschwindigkeit und visuellen Effekten. Spieler tauchen mit individuellen Avataren in virtuelle Welten ein, treffen sich mit Freunden, schließen Geschäfte ab und erleben live und in Echtzeit Auftritte von Popstars. Das Metaverse öffnet seine Pforten! 

Wie wird das Metaverse aussehen? 

Niemand kann genau vorhersagen, wie das Metaverse sein wird. In jüngster Zeit wagen es dennoch einige Sachbuch-Autoren, das Metaverse vorausschauend zu beschreiben. Und vermutlich tragen sie damit selbst nicht unerheblich zu seiner Gestaltung bei. Genauso wie schon Jahrzehnte vor ihnen Schriftsteller das Konzept des Metaverse lebendig werden ließen. Ziemlich sicher ist: Das Metaverse wird aus unendlich vielen verschiedenen virtuellen Räumen bestehen. Diese Räume können Kopien echter Orte sein, sie können kreative Abwandlungen echter Orte sein oder sie können komplett imaginiert sein. Der Hauptunterschied zum Internet und zu bislang existierenden virtuellen Orten ist ihre Dreidimensionalität. Die neu hinzugewonnene dritte Dimension ist vielleicht der wichtigste Grund dafür, warum das Metaverse zu einem faszinierenden Bereich unseres Lebens werden kann.  

Viele reden über die Risiken und Gefahren, die vom Metaverse ausgehen. Sei es die Vermengung von Realität und Fiktion, die zunehmende Abwendung von der Natur, die Möglichkeit intensiver Manipulation, der drohende Verlust der Privatsphäre…. Die Liste ist lang. Deshalb ist es in dieser Phase der Entwicklung des Metaverse so wichtig, eine Haltung zu entwickeln, eine Ethik zu implementieren und ein System zu schaffen, das Missbrauch ausschließt oder erschwert und Verstöße verfolgt und bestraft. Dies auf ethischer, technischer und juristischer Ebene. Nur auf diesem Fundament kann ein Metaverse entstehen, das unser Leben bereichert. Wenn ich also hier ein Bild der wunderbaren Möglichkeiten, die ein Metaversum schaffen kann, entwerfe, dann verschließe ich nicht die Augen vor den Risiken. Ein sicheres und sinnvolles Metaverse zu erschaffen ist eine Herausforderung. Ich möchte Ihnen zeigen, dass es sich lohnen kann, diese Herausforderung anzunehmen.  

Lernen im Metaverse – die Schule von morgen? 

Im Schulunterricht ins Weltall fliegen und die Ringe des Saturn erkunden. Wer hätte nicht gerne so gelernt? Mit diesem Beispiel wirbt „Meta“ für die scheinbar grenzenlosen Möglichkeiten, die das Metaverse bieten kann. Bildung ist ein idealtypischer Anwendungsfall. Eine Schulklasse bereist gemeinsam einen ausgewählten Raum des Metaverse – z.B. das Weltall. Die praktischen Erfahrungen und Entdeckungen der Schüler im dreidimensionalen Raum ergänzen, vertiefen und verfestigen den „Unterrichtsstoff“ und ermöglichen spannende und faszinierende Erlebnisse in der Schule. Dasselbe gilt für jegliche Art von Training. Ob in der Berufsausbildung, im Studium, für Fortbildungen oder auch im Hobbybereich: Das Metaverse dient als gemeinschaftlicher Erlebnisraum, in dem nicht nur Raum und Zeit überwunden werden können. Geografische Entfernungen, körperliche Handicaps, sprachliche Grenzen…die Liste ist beliebig erweiterbar. Begrenzungen und Einschränkungen vielerlei Art rücken in den Hintergrund. Physische Risiken stellen keine Gefahr für Leib und Leben dar, existieren aber trotzdem virtuell als Lernfaktor, das heißt der Umgang mit Gefahren kann einfach trainiert werden. In einer geteilten neuen Wirklichkeit wird vieles möglich, das zuvor unmöglich schien.  

Gemeinsame Erlebnisse im Metaverse: von Musik bis Sport 

Eine bereits verstorbene Musikerin einmal live im Konzert erleben – gemeinsam mit einem internationalen Millionenpublikum in einer dreidimensionalen Arena. Das ist theoretisch ebenso denkbar wie die Teilnahme an einer globalen Hochsicherheitskonferenz, der normalerweise nur ein begrenzter Personenkreis physisch beiwohnen kann. 

Was in der Gaming-Szene schon fast Standard ist, wird auch im Sport möglich: In einer internationalen Trainingsgruppe regelmäßig trainieren und an virtuellen Wettkämpfen teilnehmen, egal wo man gerade ist. Auch das Erlernen und Üben bestimmter sportlicher Techniken kann durch die Erprobung im Metaverse erleichtert werden.   

Das Metaverse boostet digitale Transformation im Business 

Die Vorteile des internationalen, ortsunabhängigen Arbeitens sind in den vergangenen Jahren immer mehr ins allgemeine Bewusstsein vorgedrungen. Flexibles Arbeiten in wechselnden Teams, die schnell und unkompliziert neu zusammengestellt werden können, das ist eine neue Form der Kooperation, die erst durch digitale Kommunikation möglich wurde. Videomeetings sind spätestens seit der Pandemie zum Standard in Unternehmen geworden. Wer in post-pandemischen Zeiten wieder an realen Meetings teilnimmt, stellt schnell fest: Es ist etwas völlig anderes, sich gemeinsam mit anderen in einem dreidimensionalen Raum aufzuhalten. Es ist viel angenehmer, als sich selbst und die anderen zwei Stunden lang zweidimensional als Kästchen auf einem Monitor zu sehen. Und – es kommt noch etwas drittes, ungreifbares hinzu. Vielleicht nennen wir es „die Spannung, die durch Räumlichkeit entsteht“. Hier kann das Metaverse durch die Bereitstellung dreidimensionaler virtueller Räume und attraktiver Avatare zu angenehmeren und inspirierenden Arbeitsbedingungen beitragen.  

Das Metaverse bündelt hochspezialisierte Fachkräfte – Beispiel Medizin 

Stellen Sie sich vor, Sie haben eine sehr seltene Erkrankung, sagen wir einen bestimmten Tumor im Gehirn, der dringend entfernt werden muss. Es gibt einen Spezialisten für diese Art von Operation, der ist jedoch tausende von Kilometern von Ihnen entfernt. Und durch Ihren gesundheitlichen Zustand sind Sie gerade nicht in der Lage, so weit zu reisen. Im virtuellen OP können Medizinerinnen und Mediziner aus verschiedenen Ländern zusammenarbeiten. Während Sie in einer Klinik in Hamburg auf dem OP-Tisch liegen, operieren Sie ihre Ärzte virtuell – z.B. von Chicago und Buenos Aires aus – in Zusammenarbeit mit einem Roboter und Personal vor Ort. Eine hochpräzise virtuelle Umgebung macht diese Form von medizinischer Versorgung möglich. Ähnliches gilt zum Beispiel auch für die Zusammenarbeit im Engineering. Ein internationales, hochspezialisiertes Team kann sich in einer gemeinsamen Umgebung der Entwicklung neuer Maschinen, Verfahren, Technologien widmen. 

Stellt das Metaverse unser Leben auf den Kopf? 

Die digitale Kommunikation wird sich zum zweiten Mal – nach der flächendeckenden Einführung von Smartphones vor circa 10 Jahren – radikal weiterentwickeln. Wir werden vor allem stärker direkt und in Echtzeit interagieren, statt im „Messenger-Ping-Pong“-Modus zu senden und zu empfangen. Digitale Interaktion in der Kommunikation macht den Nutzwert eines Produkts, einer Marke oder eines Services für ein interessiertes Publikum unmittelbar sichtbar, greifbar und erlebbar. Diese Greif- und Erlebbarkeit funktioniert nun plötzlich mit fast allen Sinnen. Die bisherige Kommunikation des Sendens und Empfangens wird im digitalen Raum körperlich spürbar. Und das hat Folgen. 

Die im Gehirn über den Sehnerv transportierte Dreidimensionalität der virtuellen Räume spielt dabei eine zentrale Rolle und wird vermutlich ganze Branchen, Dienstleistungen und Lebensbereiche auf den Kopf stellen. Nicht auszuschließen, dass man im Metaverse zu Beginn seekrank wird, denn die Augen simulieren physische Bewegung, aber unser Gleichgewichtssinn im Innenohr ruht zeitgleich im Sessel. Vielleicht wird die Kommunikation zwischen zwei Personen im Metaverse besser funktionieren als bisher in einer Videokonferenz, weil sich beide in der gleichen Umgebung befinden. Dabei wird es spannend sein, zu sehen, wie authentisch Körpersprache, Mimik und Emotionen nachempfunden werden können.  

Das Metaverse verändert unser Zeitempfinden 

An dieser Verwirrung unseres räumlichen Denkens hängt auch unser Zeitempfinden. Die Zeit im virtuellen Raum wird womöglich kurzweiliger und rasanter ablaufen als in der Realität. Wahrscheinlich wird sich auch unser Tagesablauf ändern, wenn wir uns in Echtzeit mit Avataren austauschen, die physisch in anderen Zeitzonen sitzen. Ob die Mittagspause dann noch zwischen 12 und 13 Uhr liegt, ist fraglich. Auch körperlich werden wir vielleicht Auswirkungen spüren, wenn wir uns weiter als bisher von sichtbaren Abläufen in der Natur verabschieden, weil wir noch weniger Zeit an der frischen Luft verbringen. Oder – in einem anderen Szenario – werden wir vielleicht sogar mehr Zeit draußen verbringen können, weil wir mit Datenbrille genauso gut im Wald spazierend an Meetings teilnehmen können? Der Klimawandel macht es in unseren Breiten jetzt schon schwierig, Jahreszeiten korrekt voneinander zu trennen. Wenn ich viel Zeit in virtuellen Räumen verbringe, die mit meiner aktuellen geographischen Lage, Jahres- und Tageszeit nichts gemein haben, dann habe ich kaum noch Bezug zum Verlauf des natürlichen Tageslichts. Je nach Nutzung des Metaverse könnte es also passieren, dass uns neben der erwähnten Seekrankheit auch ein digitaler Jetlag zusetzt. Möglich ist, dass wir weniger in der Lage sein werden, mit Langeweile umzugehen. Die Zeit, die wir im virtuellen Raum verbringen, weil wir süchtig nach Zerstreuung sind, kann womöglich zunehmen.  

Virtuelle Realität beeinflusst unsere Lebensgestaltung 

Unsere Lebensgestaltung wird weiter dem Megatrend der Individualisierung folgen, die Anzahl der physischen Kontakte und Beziehungen wird bei einigen Menschen wahrscheinlich weiter zurückgehen. Zeitgleich werden sich Gegenbewegungen etablieren, ähnlich dem, was wir im Covid-Lockdown erlebt haben. Mehr und mehr Menschen werden nach einem Ausgleich in der Natur suchen, um dort digitalen Alltagsstress und mentalen Ballast abzuwerfen und werden vielleicht umso mehr reale Kontakte suchen und verfestigen. 

Die Vorstellung einer interaktiven virtuellen Realität fasziniert und begleitet uns schon lange. Die Metaverse-Idee ist nicht neu. Interessant wurde sie für eine breitere Öffentlichkeit, als sich der Facebook-Konzern in „Meta“ umbenannte. Weder das Wort „Metaverse“ noch das Konzept dazu hatte Zuckerberg selbst erfunden. Es gibt einige literarische Vorlagen aus dem 20. Jahrhundert, die virtuelle Welten entwerfen. In der Science-Fiction-Geschichte „Snow Crash“ von Neal Stephenson nutzen Menschen regelmäßig ein „Metaverse“, um dort zu arbeiten, zu spielen und anderen Tätigkeiten nachzugehen. In William Gibsons „Neuromancer“ heißt dieser virtuelle Ort „Cyberspace“. Auch eine ganze Reihe von Filmen setzt sich mit der Idee einer virtuellen Zukunft auseinander. Unsere Zukunft setzt sich zusammen aus Fiktion, Wissen und technischen Möglichkeiten. Wie sie unser Leben beeinflusst, das können wir selbst mitgestalten, durch unsere Haltung, unser Verhalten und durch unsere eigene Kreativität. 

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