Vom Hype zum Fundament: Wie Deutschlands Spitzen-CEOs KI im Brief an die Aktionäre positionieren

Eine Analyse der Aktionärsbriefe und Vorworte der DAX 40-Unternehmen für das Geschäftsjahr 2025
Das Jahr 2025 markiert einen tiefgreifenden Wendepunkt in der globalen Wirtschaft: Der anfängliche Hype um generative künstliche Intelligenz (KI), der die Jahre 2023 und 2024 prägte, ist einer nüchternen Realität gewichen. Es geht nicht mehr nur darum, was KI theoretisch leisten könnte, sondern wo sie bereits heute handfeste Erträge liefert, Prozesse beschleunigt oder neue Geschäftsfelder erschließt. Ein präziser Gradmesser für die strategische Relevanz eines Themas in den Chefetagen ist der traditionelle Brief an die Aktionäre bzw. das Vorwort des Vorstands im Geschäftsbericht. Wenn ein Thema es bis auf diese ersten, prominenten Seiten schafft, ist es zur absoluten Chefsache deklariert worden.
Eine detaillierte Analyse der Geschäftsberichte der DAX 40-Unternehmen für das Geschäftsjahr 2025 zeigt ein faszinierendes Bild: Deutschlands Top-Manager sind keineswegs blind für den technologischen Wandel, gehen jedoch sehr unterschiedlich mit der Kommunikation um. Während einige das Thema als zentralen Pfeiler ihrer künftigen Wettbewerbsfähigkeit präsentieren, schweigen andere an dieser Stelle ganz bewusst und verweisen das Thema in die nachgelagerten operativen Kapitel.
Die nackten Zahlen: Fast die Hälfte der DAX-Chefs macht KI zur Chefsache
Von den 37 einzigartigen Unternehmen, deren aktuelle Berichte für diese Analyse ausgewertet wurden, erwähnen 16 Unternehmen (ca. 43 %) das Thema Künstliche Intelligenz oder AI direkt auf den ersten Seiten – sei es im klassischen Aktionärsbrief des CEOs, in einem einleitenden Interview-Format oder im Bericht des Aufsichtsrats.
Die restlichen 21 Unternehmen (57 %) verzichten im einleitenden Teil auf eine explizite Nennung. Das bedeutet jedoch keineswegs, dass diese Unternehmen KI ignorieren. Branchenriesen wie die Deutsche Telekom oder Volkswagen widmen der Technologie in ihren detaillierten Lageberichten, Forschungs- und Entwicklungsabschnitten oder Risikoberichten viel Platz. Doch im direkten Appell an ihre Anteilseigner setzen sie andere Schwerpunkte – etwa makroökonomische Unsicherheiten, die Transformation zur Elektromobilität oder geopolitische Herausforderungen.
Die quantitative Verteilung der Berichts-Analysen stellt sich wie folgt dar:
| Kennzahl / Segmentierung | Wert / Anteil |
|---|---|
| Analysierte Berichte insgesamt | 42 |
| Einzigartige DAX-Unternehmen in Stichprobe | 37 |
| Unternehmen mit KI-Erwähnung im Aktionärsbrief / Vorwort | 16 (ca. 43 %) |
| Unternehmen ohne KI-Erwähnung im Aktionärsbrief / Vorwort | 21 (ca. 57 %) |
Die visuelle Verteilung der Themenschwerpunkte im DAX 40 (Stand 2025):
Die 4 Archetypen der KI-Integration im DAX
Die qualitative Analyse der Aktionärsbriefe offenbart, dass sich die Erwähnungen nicht in vagen Floskeln erschöpfen. Vielmehr lassen sich die Unternehmen und ihre CEOs in vier klare strategische Archetypen einteilen.
1. Die strategischen Pioniere: KI als Kern der Geschäftsstrategie
Für diesen Archetypen ist KI kein bloßes Werkzeug, sondern das Fundament des zukünftigen Geschäftsmodells. Sie nutzen den Aktionärsbrief, um ihre Führungsrolle in der digitalen Transformation zu untermauern.
An der Spitze dieser Bewegung steht SAP. Vorstandsvorsitzender Christian Klein findet in seinem Brief deutliche Worte: Das Jahr 2025 sei der Moment gewesen, in dem Business-KI von einer Option zu einer "absoluten Notwendigkeit" gereift ist. Er verweist stolz auf den hauseigenen KI-Copiloten Joule und das neue KI-Modell SAP RPT-1, die tief in die Geschäftsprozesse der weltweiten Kunden integriert werden. SAP positioniert sich nicht als Anwender, sondern als globaler Enabler der Technologie.
Ähnlich offensiv argumentiert Ralf Weitz, Vorstandsvorsitzender von Scout24. Im Vorwort widmet er dem Thema einen eigenen Abschnitt mit dem Titel "KI als Wachstumstreiber". Weitz macht unmissverständlich klar, dass KI kein nettes Zusatzfeature, sondern das Herzstück der gesamten Plattform-Strategie ist. Mit Tools wie HeyImmo werde die Immobilienvermittlung grundlegend revolutioniert.
Auch Symrise-CEO Dr. Jean-Yves Parisot wählt einen proaktiven Ansatz. In seinem einleitenden Q&A-Interview betont er, dass KI der Bereich ist, auf den er persönlich derzeit die größte Aufmerksamkeit richtet. Durch den neuen Daten- & KI-Hub in Barcelona und die firmeneigene Plattform Symvision AI will der Duft- und Geschmackstoffhersteller die Innovationsgeschwindigkeit bei der Produktentwicklung massiv beschleunigen.
2. Die Effizienz-Optimierer: Komplexität reduzieren, Freiräume schaffen
Der zweite Archetypus konzentriert sich primär auf die internen Hebel. Hier wird KI als ultimatives Werkzeug zur Prozessoptimierung, Kostenreduktion und Effizienzsteigerung verstanden.
Ein herausragendes Beispiel hierfür ist Bayer unter der Führung von Bill Anderson. Im Aktionärsbrief hebt er hervor, dass Bayer massiv in Künstliche Intelligenz – insbesondere in sogenannte agentische KI – investiert. Das Ziel: die tägliche Arbeit der Mitarbeiter grundlegend zu entlasten. Mit dem hauseigenen KI-Assistenten MyGenAssist sollen administrative Hürden abgebaut und Entscheidungsprozesse beschleunigt werden.
Auch Vincent Warnery, CEO von Beiersdorf, schlägt in eine ähnliche Kerbe. Im Vorwort beschreibt er KI als Katalysator, der Komplexität im Konzern abbaut, Routineaufgaben automatisiert und damit wertvolle kreative Freiräume für die Belegschaft schafft. Zudem wird KI bei Beiersdorf als "neue Stimme" für die hochgradig personalisierte Ansprache von Konsumenten eingesetzt.
In der Logistik ist Effizienz alles. Daher betont Dr. Tobias Meyer, CEO der DHL Group, in seinem Aktionärsbrief, dass der flächendeckende Einsatz von Robotik und Künstlicher Intelligenz im Rahmen der "Strategie 2030" eine Schlüsselrolle einnimmt, um die Servicequalität zu maximieren und gleichzeitig die operativen Kosten im Zaum zu halten.
3. Die Schaufelverkäufer: Nutznießer des globalen KI-Booms
Während andere Unternehmen darüber nachdenken, wie sie KI anwenden, profitieren diese Konzerne vom schieren Hunger der Technologie nach Rechenleistung, Halbleitern und Energie. Sie sind die Infrastruktur-Rückgrate der KI-Revolution.
Jochen Hanebeck, Vorstandsvorsitzender von Infineon Technologies, verweist in seinem Brief auf den boomenden Markt für KI-Rechenzentren. Unter dem Slogan "We power AI" verdeutlicht er, dass Infineon die hocheffizienten Stromversorgungslösungen liefert, ohne die moderne KI-Server gar nicht betrieben werden könnten. Zudem hebt er die Bedeutung von Edge-KI – also der KI-Verarbeitung direkt auf dem Chip im Endgerät – als gigantischen zukünftigen Wachstumsmarkt für den Halbleiterhersteller hervor.
Dieser Hunger nach Energie spiegelt sich auch in den Briefen der Energiekonzerne wider. Dr. Markus Krebber, CEO von RWE, und Dr. Christian Bruch, CEO von Siemens Energy, betonen beide unabhängig voneinander, dass der weltweite Boom von KI-Rechenzentren zu einem massiven Anstieg des Strombedarfs führt. Siemens Energy hat auf diese fundamentale Entwicklung sogar mit der Gründung eines eigenen Ausschusses für Digitalisierung und Künstliche Intelligenz im Aufsichtsrat reagiert, um diese gigantische Marktchance strategisch zu begleiten.
4. Die Human-Zentrierten: Der Mensch im Mittelpunkt des "People Business"
Es gibt jedoch auch CEOs, die im Vorwort bewusst eine Gegenposition oder zumindest eine stark relativierende Haltung einnehmen. Sie betonen, dass Technologie nur ein Mittel zum Zweck ist.
Bjørn Gulden, der charismatische Chef von Adidas, wählt im einleitenden Q&A-Teil des Geschäftsberichts einen bemerkenswert differenzierten Ansatz. Er stellt klar, dass Adidas zwar modernste KI-Systeme und digitale Tools einführt, das Unternehmen im Kern aber immer ein "People Business" bleiben wird. Am Ende seien es die Athleten, die Konsumenten und die eigenen Mitarbeiter – also echte Menschen – die den Erfolg der Marke ausmachen, nicht die Algorithmen.
Die Entzauberung des Buzzwords
Die Analyse der DAX-Aktionärsbriefe des Jahres 2025 zeigt: Künstliche Intelligenz hat ihre Phase als bloßes, inhaltsleeres Marketing-Buzzword im deutschen Spitzenmanagement endgültig hinter sich gelassen. Die CEOs sprechen nicht mehr vage über die "Zukunft der Arbeit", sondern benennen konkrete Systeme (*Joule*, *MyGenAssist*, *Symvision AI*), klare Investitionsfelder (*agentische KI*, *Edge-KI*) und handfeste wirtschaftliche Treiber (Energiebedarf für Rechenzentren).
Dass knapp 57 % der Unternehmen das Thema im Vorwort aussparen, ist dabei kein Zeichen von Rückständigkeit. Es Könnte auch der Ausdruck einer gesunden unternehmerischen Fokussierung in unsicheren Zeiten sein. In einem herausfordernden wirtschaftlichen Umfeld müssen CEOs im Brief an ihre Aktionäre die drängendsten, existentiellsten Fragen priorisieren.
Eines ist jedoch sicher: Die Weichen sind gestellt. Ob als Treiber neuer Geschäftsmodelle bei SAP, als Effizienzmotor bei Bayer oder als Infrastruktur-Booster bei Infineon – KI ist im DAX im Jahr 2025 vom Technologie-Trend zum integralen Bestandteil der deutschen Konzernrealität gereift, und wird über kurz oder lang zum Teil der Investmentstory werden. Diejenigen Unternehmen, die diesen Übergang vom Reden zum produktiven Tun am schnellsten meistern, werden auch in den Geschäftsberichten der kommenden Jahre die Nase vorn haben.

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