4. Februar 2021 | Thorsten Greiten

Übersicht über die wichtigsten ESG-Ratings – und was sie für die Finanzkommunikation bedeuten

ESG-Kriterien gewinnen derzeit massiv an Bedeutung. Sind die Informationen bislang größtenteils in der reinen CSR-Kommunikation isoliert worden, kommt es nun zu einem regelrechten Nachfragesog aus der Investoren-Kommunikation. ESG-Kennzahlen werden von Finanzanalysten in der Risikobewertung längst mitberücksichtigt. NetFed bietet einen Überblick!

Bereits 2030 werden laut Studie der Deutschen Bank, Global Sustainable Investment Alliance, 95 % aller Asset-Klassen ESG-optimiert gemanagt werden. Im Rahmen unserer NetFed-Analysen können wir erstmalig einen DAX30-Gesamtüberblick zu allen bedeutenden Ratings der bekannten Agenturen MSCI ESG Research, Sustainalytics und ISS ESG im Vergleich zum NetFed ESG-Rating bieten. Die Palette der Untersuchungsmethoden, Fragestellungen und Schwerpunkte ist sehr unterschiedlich, entwickelt sich dynamisch und wächst Stück für Stück an.

Die Bedienung dieser Nachfrage gewinnt in den Kommunikationsabteilungen der Konzerne an Bedeutung. Asset Manager, Regulatoren, Analysten und schließlich Investoren werden in Zukunft jede dunkle Stelle ausleuchten. Anleger wollen das Risiko kennen, ob ein Unternehmen Gefahr läuft, in einen Skandal verwickelt zu werden. Ein schlechtes ESG-Rating schließt ein Investment für einen vorausschauenden Anleger aus.

Die Kriterien gehen allerdings weit über den Umweltschutz hinaus. Neben dem Klimaschutz fließen bspw. das gesellschaftliche Engagement des Konzerns, Themen wie Diversity, Arbeitssicherheit, der Gesundheitsschutz und eine nachhaltige Unternehmensführung mit in die Bewertung ein.

Es gibt inzwischen viele Rating-Agenturen, die darauf spezialisiert sind, Betriebe anhand der ESG-Kriterien zu bewerten. Jede Agentur hat eigene Messmethoden, Prozesse oder Gewichtungen. Im Folgenden schauen wir uns vier der wichtigsten ESG-Ratings an, vergleichen diese miteinander und analysieren, wo Firmen Verbesserungspotenzial haben. In diesem Markt ist viel Bewegung: Der Nachhaltigkeitsspezialist RobecoSAM verkaufte 2019 seine ESG-Ratings an S&P Global, Sustainalytics gehört seit 2020 zum Fondspezialisten Morningstar.

MSCI: Sechsmal Top-Bewertung, nur ein Unternehmen fällt durch

MSCI ESG Research ist eine Rating-Agentur mit Hauptsitz in New York, die mit über 1.500 verschiedenen ESG-Indizes und 130 Analysten der weltweit größte Anbieter in diesem Bereich ist, dementsprechend genießt MSCI ESG Research ein hohes Ansehen in der Branche. MSCI ESG Research ist vollständig in den MSCI Konzern eingegliedert, der 3.000 Mitarbeiter beschäftigt.

Jedes Unternehmen wird primär hinsichtlich seiner ESG-Risiken und der Tatsache, wie gut diese Risiken im Vergleich zu anderen Wettbewerbern gehandhabt werden, klassifiziert in: „Leader“ AAA-AA, „Average“ A-BB, Laggard B-CCC. Insgesamt sind dies sieben verschiedene Klassifizierungen. In diese Bewertung fließen auch Eigenkapital, festverzinsliches Wertpapier, Kredite, Anlagenfonds, ETFs und Länder, in denen das Unternehmen tätig ist, ein. Zusätzlich wird der Umgang des Konzerns mit Mitarbeitern, Wasser und die CO2-Bilanz bewertet.

Das Bewertungssystem von MSCI ESG.

Sechs DAX-Konzerne haben die Top-Wertung AAA von MSCI erhalten, lediglich Volkswagen schneidet mit CCC ab, was der Klassifizierung Laggard entspricht. Diese wird von MSCI als „ein Konzern, der in seinem Bereich hinterherhinkt, da ein großes Risiko besteht, dass er nicht in der Lage ist, die signifikanten ESG-Risiken zu managen“, beschrieben.

Sustainalytics: Gleich 16 Konzerne mit geringfügigem Risiko

Sustainalytics, das inzwischen zu Morningstar gehört, ist ein Unternehmen, das sich darauf spezialisiert hat, die Zukunftsfähigkeit von Konzernen hinsichtlich ihrer ESG-Kriterien zu bewerten. Das Unternehmen aus Amsterdam beschäftigt über 600 Mitarbeiter, bietet Daten zu 40.000 Unternehmen weltweit und Ratings zu 20.000 Unternehmen in 172 Ländern an.

Bei Sustainalytics geht es insbesondere um die Abwägung von Risiken. Generell ist das Risiko, finanzielle Schäden durch ESG-Faktoren davonzutragen umso geringer, je niedriger das ESG Risk Rating als solches ist.

Zunächst wird unterschieden:

  • in „Manageable Risk“ und „Unmanagable Risk“,
  • das „Manageable Risk“ wird weiter in das „Managed Risk“,
  • das „Unmanagable Risk“ in die „Management Gap“

unterteilt.

Die „Management Gap” wird dabei als die Größe des „Manageable Risk”, that is not being managed, das also gemanagt werden könnte, aber de facto nicht gemanagt wird, beschrieben.

Letztlich ergibt sich daraus eine einfache Formel: Das ESG Risk Rating kann entweder aus der Summe des „Management Gap“ und des „Unmanageable Risk“ oder der „Total Exposure to ESG Risk” minus des „Managed Risk“ berechnet werden. Beide Wege führen zum gleichen Ergebnis.

Die Berechnung des ESG Risk Ratings von Sustainalytics.

Die Kategorisierung erfolgt hier anhand der Risiken. Es gibt fünf verschiedene Kategorien, beginnend beim geringsten Risiko „negligible“ bis hin zu „severe“, der schlechtesten Bewertung.

Die fünf verschiedenen Risiko-Kategorien von Sustainalytics, kurz: NR, LR, MR, HR, SR.

Die Auswertung von Sustainalytics deckt sich im unteren Bereich mit der von MSCI, denn auch hier wird Volkswagen als einziges Unternehmen mit „Severe“ eingestuft und erhält damit die schlechteste Bewertung. Auf der anderen Seite erhalten gleich 16 Unternehmen die Top-Bewertung „Negligible“, darunter BASF, die Deutsche Post oder Infineon.

ISS: Keiner erhält die Bestnote A

Institutional Shareholder Services (ISS) blickt in den Bereichen ESG Research und Rating, Corporate Governance und Proxy Advisory auf eine 30-jährige Erfahrung zurück. Das Unternehmen aus Maryland, USA, beschäftigt knapp 2.000 Mitarbeiter.

Für das ESG-Rating werden bis zu 100 Rating-Kriterien angewandt. Dazu zählen u.a. eine Strategie für den Klimawandel, Umweltmanagement, Menschenrechte oder die Aktionärsstruktur.

Ein beispielhafter Auszug der ESG-Kriterien von ISS.
Das Bewertungssystem von ISS bietet 9 verschiedene Ausprägungen.

Bei der Auswertung von ISS ESG fällt auf, dass kein Unternehmen eine der drei Top-Bewertungen A+ bis A- erhält. Henkel ist mit B+ am besten bewertet, gefolgt von SAP und der Deutschen Telekom mit B. Delivery Hero ist das einzige Unternehmen, das mit D+ und somit am schlechtesten bewertet wird.

NetFederation: Wenig Nachhaltigkeit in der Finanzkommunikation, keine Wesentlichkeitsanalyse

NetFed hat zusammen mit Beratern von sustainable natives (sn) die IR-Websites aller DAX30-Unternehmen angesehen und diese anhand der aktuellen Roadshow-, Analysten oder Quartalsberichtspräsentationen untersucht.

Im Zuge dessen wurde beleuchtet, wie die Websites und digitalen Kanäle für Investoren aufgebaut sind, wie den Anlegern die Nachhaltigkeitsstrategie in den Roadshows und daraus folgend die Nachhaltigkeitsambitionen und -erfolge kommuniziert werden.

Nur wenige Unternehmen haben sich mit dem Thema Nachhaltigkeit in der Finanzkommunikation auseinandergesetzt – kein einziges der untersuchten Konzerne legt seinen Anlegern eine Wesentlichkeitsanalyse dar! Insgesamt sind die ESG-Kriterien oft nur rudimentär beschrieben und zum Teil tief in Roadshow-Präsentationen versteckt. Am besten macht es unserer Ansicht nach BASF, gefolgt von Henkel und Vonovia.

Wir erwarten, dass ESG-Kriterien bald in nahezu allen DAX-Konzernen auftauchen werden. Der US-amerikanische S&P 500 kann hier als Vorbild dienen, dort stieg die Anzahl der Unternehmen, die einen Nachhaltigkeitsbericht vorlegen binnen sieben Jahren von 20 auf 90 %.

Zusammenfassung: Rating-Agenturen bestätigen NetFed-Ergebnis

Der Vergleich aller vier Ratings zeigt interessante Ergebnisse und belegt deutlich die Aussagekraft des NetFed-Ratings mit seinem Schwerpunkt auf der digitalen Kommunikationsqualität der ESG-Kriterien. Denn BASF, der Sieger in unserem Rating, wird beispielsweise auch von allen drei anderen Rating-Agenturen positiv bis sehr positiv bewertet. Bei vielen anderen Unternehmen zeigt sich jedoch, dass die Bewertungen nicht deckungsgleich sind, bspw. die Deutsche Börse wird von MSCI ESG und ISS ESG gut bis sehr gut bewertet, fällt in den beiden anderen Ratings jedoch eher ab. Oftmals befinden sich zwei oder drei der Ergebnisse in ähnlichen Sphären, aber in den seltensten Fällen alle vier. Henkel, das in drei Ratings sehr gut abschneidet, wird von Sustainalytics hingegen mit „medium risk“ eingestuft, Vonovia von ISS ESG nur mit „C“, während die anderen drei Agenturen dem Unternehmen ein gutes Zeugnis ausstellen.

Die Ergebnisse zeigen sehr deutlich, dass allen vier Ratings eine andere Methodik zugrunde liegt, anders sind diese Unterschiede nicht zu erklären.

Übersicht über alle vier ESG-Ratings

RangUnternehmenNetFed & snMSCI ESGSustainalyticsISS ESG
BASF SE 864 AA NR B- 
Henkel AG 693 AA MRB+ 
Vonovia SE 649 VR 
Daimler AG 626 BBB MRC+ 
E.ON SE 615 AA MR C+ 
RWE AG 592 HR C+ 
Beiersdorf AG 592 AA MRC+ 
Volkswagen AG 569 CCC SR 
Fresenius SE & Co. KGaA 529 BBB NR 
10 Infineon Technologies AG 521 AA NR C+ 
11 Deutsche Post DHL Group 509 AA NR C+ 
12 HeidelbergCement AG 508 AA MR C+ 
13 Covestro AG 495 MR B- 
14 Allianz SE 470 AAA NR C+ 
15 Deutsche Bank AG 454 BBB HR
16 Fresenius Medical Care AG & Co. KGaA 448 BBB NR C+ 
17 Bayer AG 437 BB HRC+ 
18 SAP SE 400 AAA NR 
18 Continental AG 400 BBB NR C+ 
20 Merck KGaA 386 AAA NR B- 
21 BMW AG 354 MR C+ 
22 adidas AG 342 AAA NR B- 
23 Deutsche Telekom AG 341 BBB NR 
24 Deutsche Wohnen AG 334 AA NR 
25 MTU Aero Engines AG 305 AA MR C+ 
26 Deutsche Börse AG 294 AAA NR 
27 Münchener Rück AG 283 AA NR C+ 
28 Siemens AG 262 AAA MR B- 
29 Delivery Hero SE 210 MRD+ 
30 Linde AG 45 NR C+ 

(Sortierung nach NetFed-/sn-Rating)

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